Schinkel-Wettbewerb 2022 – Vorankündigung

Ressource Rüdersdorf – neu aufgemischt

Rüdersdorf lebt seit langer Zeit vom Abbau des Kalksteins, von der Verarbeitung zu Branntkalk und Zement. Die Abtragung des Kalkbergs und die Ausbeutung der Gesteinsschichten bis weit unter Terrain mit dem daraus resultierenden Ver­lust von Landschaft und Identität haben diesen Ort geformt und gleichzeitig zu seiner Prosperität beigetragen. Noch heute wird der Kalkstein in den ausge­dehnten Gewerbeansiedlungen zu Zement und anderen Baustoffen verarbeitet. Neben dem Kalksteinbruch, den historischen Brennöfen und dem modernen Zementwerk haben sich Betriebe der Baustoff- und Logistikbranche angesiedelt. So hat sich eine Agglomeration vitaler Ortschaften ent­wickelt, durchsetzt mit Stätten industrieller Fertigung, teils hochaktiv, teils aufgegeben und ruinös. Und genau diese Wider­sprüche und Maßstabsprünge machen Rüdersdorf mit seinen verschiedenen Ortsteilen so reizvoll für unsere Aufgabenstellung. 

Auf dem Areal der ehemaligen Futterphosphatfabrik ist seit der Stilllegung wenig passiert. Alles Ver­wertbare wurde demontiert und entfernt. Von den imposanten Gebäuden stehen seit der Jahr­tausendwende nur noch leere Hüllen. Kultur- und Filmschaffende entdeckten die Ruinen­landschaft als Inszenierungs- und Dreh­kulisse und weckten wieder das geflügelte Wort vom „märkischen Hollywood“. Am Ufer des Kalksees stand nach 1920 die größte Kulissen­stadt Europas, in der über 50 Stummfilme, aber auch erste Tonfilme gedreht wurden. Mit Wasser, Wald, Sand und Fels konn­ten Filmvisionen aller Art im nahen Umfeld der Metro­pole in Szene gesetzt werden.

Aber das Gelände ist zu einzigartig, um nur als filmreife Kulisse zu dienen, es braucht Programm! Ein Programm, mit dem der Ort wachsen und sich verändern kann. Das die Ruinen wieder zur Gel­tung bringt. Umbaut statt abreißt. Recycelt statt verwirft. Neue Nachbarschaften zusammen bringt und Gäste ebenso will­kommen heißt. Das eine veränderte Mobilität mitdenkt. Das Natur­potenzial aus­schöpft und vom sozialen Miteinander lebt. Kurzum einen exemplarischen Ort schaffen kann.

Städtebau

Die Gemeinde Rüdersdorf liegt nahe der Stadtgrenze im Osten Berlins, landes­planerisch festgelegt als grundfunktionaler Schwerpunkt außerhalb einer Sied­lungsachse im ländlichen Raum. Seit Jahr­hunderten prägten der Kalk-Tagebau und die Baustoffindustrie die Siedlungsentwicklung, es ent­standen verstreute Ortsteile, eine historische Mitte gibt es nicht mehr. Die Industrie wandelt sich, setzt Gebäude und Flächen frei. Die Nähe zu Berlin begründet eine steigende Nachfrage nach Wohn­­raum. Dies bietet Chancen, den ländlichen Raum abseits von Zentren und Achsen neu zu lesen, zukunftsfähige Lebens-, Arbeits- und Freizeitformen abzuleiten und diese siedlungs­struk­turell und funktional zu verorten.

Für das Gemeindegebiet Rüdersdorf ist ein städtebauliches Leitbild zu entwik­keln mit einzelnen urbanen Clustern (“Halligen”), die neue, zukunftsweisende Lebensformen ermöglichen – ohne eine Priorisierung oder Zentrenbildung ein­zel­ner Cluster. Im Rahmen der städtebaulichen Entwicklungs­strategien sind attrak­tive Mobilitätsangebote zur Vernetzung untereinander sowie zur Anbindung an Berlin anzubieten.

Ziel des Leitbilds ist es, Optionen einer eigenständigen Entwicklungsperspektive aus und mit den Potenzialen des Bestands aufzuzeigen und einen Austausch mit wechselseitigem Nutzen zwischen Stadt- und Landbewohnern zu ermöglichen.

Landschaftsarchitektur

Auf dem Gelände der ehemaligen Futterphosphatfabrik sollen Angebote für zukunftsorientierte, nach­haltige Lebens- und Arbeitsformen entwickelt werden. Die ehemalige Fabrik, die zur Ausbeutung der natürlichen Ressourcen errichtet wurde, wird damit zum Impulsgeber für eine beispielhafte Transformation, die um den Kern der alten Industrieanlagen (temporäres) Wohnen und Arbeiten, Kunst und Kultur ermöglicht – auch im Sinne der EU-Initiative des New European Bauhaus.

Mit dem Ziel einer integrativen Wirtschaft stellt sich die Frage nach dem Maß einer angemessenen, baulichen Dichte und Ausnutzung des Flächenpotenzials und der verbleibenden Freiräume für ein suffizientes Leben und Arbeiten sowie Bedürfnissen jenseits materieller Dimensionen, zu denen insbesondere auch die Nutzung der Freiräume gehört. Die Entwicklungsperspektiven der Gemeinde sind beschränkt durch die räumliche Lage zwischen den landespolitisch definierten Entwicklungs­achsen. Die Teilnehmenden sollen sich jedoch ermutigt fühlen, über die naheliegenden relevanten Aspekte wie post-industrielle Atmosphäre oder regionales Kreislaufwirtschaften hinauszudenken und ungewohnte Wege aufzuzeigen.

Wie können konkrete Raumbildungen und ortsspezifische Qualitäten geschaffen werden, die mit der seit Jahren stärkeren Infragestellung funktionaler Fixierung und statischer Raum- und Vegeta­tionsbilder vereinbar sind? Wie können Natur- und Wasserhaushalt des Gebietes so unterstützt werden, dass die benötigten Ressourcen nicht nur ersetzt, sondern sogar erweitert werden? Und wie kann, vor dem Hintergrund der krisenhaften Stimmung der Gegenwart, eine Lebens­stätte in gegebenem Kontext aussehen, die sich klar der Zukunft zuwendet?

Verkehrsplanung

Gefordert ist ein zukunftsfähiges und nachhaltiges Verkehrskonzept für Rüders­dorf. Dieses soll unter besonderer Berücksichtigung der Verkehrsmittel des Um­welt­verbundes auf einem Bahn-Anschluss unter Einbeziehung der im Personen­verkehr derzeit nicht genutzten Verbindungsstrecke zur Ostbahn basieren. Dabei soll die räumliche Weiterentwicklung hochwertiger Angebote (in der Regel Schie­nenverkehrsmittel oder vom übrigen Verkehr unabhängig geführte Systeme, gern auch innovative Systeme) in enger Anpassung an die vorgesehene städtebau­liche Entwicklung des Planungsgebiets erfolgen.

Sinnvollen Verknüpfungen der Verkehrsmittel einschließlich des Straßenverkehrs an deren Schnittstellen kommt eine hohe Bedeutung zu. Idealerweise werden dadurch sowohl Rüdersdorf samt östlichem Speckgürtel als auch Berlin vom motorisierten Straßenverkehr entlastet.

Architektur

Noch heute beindrucken die mächtigen Relikte der riesenhaften Stahlbeton­konstruktionen jeden Besucher. Volumen, Struktur und Raumordnung der um 1940 von der PREUSSAG errichteten Hallen und Siloanlagen wirken wie eine kolossale Inszenierung der Pittura metafisica und laden zur Analyse architek­tonischer Archetypen ein.

Die gigantischen Dimensionen der skelettierten Ruinen sind eine Herausfor­derung, für die im Rahmen unseres Ideenwettbewerbs eine angemessene konstruktive und architektonische Antwort zu finden ist. Mehrfach im Jahr finden auf dem angrenzenden Gelände des Rüdersdorfer Museums­parks kulturelle Ver­anstaltungen mit mehreren Tausend Besuchern statt. In der ehemaligen Futter­phosphatfabrik sind Veranstaltungen aus Sicherheitsgründen bisher nicht geneh­migungsfähig. Die Eigentümer der Liegenschaft sehen keine Verwendung und beabsichtigen den Abbruch.

Neben den aus unserer Sicht erhaltenswerten Fragmenten des früheren Beton­werks soll eine Bauakademie konzipiert werden, an der neue Verfahren und Baustoffe diskutiert, entwickelt und getestet werden; eine Bau-Kulturstätte, an der Ingenieur*innen und Architekt*innen, aber auch Unternehmen der Bauin­dustrie neue Konzepte und Materialien erproben und dem breiten Publikum präsentieren können, ein Campus für das zukünftige Bauen.

Das Wettbewerbsgebiet liegt wie eine Insel zwischen Wasser, Schiene und Straße. Das Verhältnis zwischen den verschiedenen Nutzungen und den Vege­tations- und Freiflächen ist zu definieren, Wegebeziehungen innerhalb des Ge­biets sind festzulegen und die verkehrlichen Anbindungen an das vorhandene Straßen- und Schienennetz darzustellen.

Von den Beiträgen der Teilnehmer*innen werden Vorschläge für weitere verträgliche Nutzungen des Areals erwartet.

Konstruktiver Ingenieurbau

Die Aufgabe für den Konstruktiven Ingenieurbau ist der Entwurf einer Seilbahn, die eine innovative öffent­liche Verkehrsverbindung über den Tagebau schafft und das neue Campusgelände an den schie­n­engebundenen Nahverkehr anbindet. Die gestalterische und konstruktive Antwort für Seil­bahn­­pylone und -stationen auf die Herausforderung von circa 1.000 Meter Spannweite bei der Über­querung des Tagebaus soll den Ansprüchen an emissionsarme Fortbewegung und ressourcen­schonendes Bauen gerecht werden.

Der Seilbahnhof auf dem Gelände des ehemaligen Chemiewerks ist als ein Hauptzugang für die neue Nutzung zu formulieren. Kooperationsarbeiten mit der Fachsparte Architektur werden empfohlen, um die Station ins gestalterische Gesamtkonzept zu integrieren.

Freie Kunst

Rüdersdorfer Gegenwart: Ein hochproduktives Zementwerk, eine Kalkgrube und eine verwunschen vor sich in träumende Industrieruine. Die Gewinnung von Zement und Kalk. Die Kalkgrube, ein Land-Art Ereignis der besonders brachialen Art.

Das Augenmerk liegt auf der Auffindung, Nutzung und Weiterverarbeitung von natürlichen und industriellen Ressourcen. Die ehemalige Industrieanlage stellt sich als eine ‚Insel‘ dar, die auf der einen Seite vom Kriensee und dem Strauß­berger Mühlenfließ und auf der anderen Seite Eisenbahn­schienen begrenzt wird. Die Rüdersdorfer Industrie im und am Rande der Kalkgrube ist ein Ort im Umbruch.

Wie sind die vorhandenen Ressourcen der Landschafts- und Industriekultur genutzt worden, wie sieht die Zukunft der Ruine und der Grube aus? Wie können Ressourcen nachhaltig und umwelt­­schonend weiterentwickelt werden? Und wie ist dies mit den Mitteln der Kunst darstellbar?

Termine

14.09.2021                 Auslobung

05.11.2021                 Rückfragenkolloquium

17.01.2022                 Anmeldeschluss 

14.02.2022                 Abgabe

23.-26.02.2022           Jurysitzungen

13.03.2022                 Schinkelfest/Preisverleihung

Links

Bilder der ehemaligen Futterphosphatfabrik in Rüdersdorf

https://www.bbfc-cloud.de/public/locations/ehemalige-futterphosphatfabrik-in-ruedersdorf

Video-Erkundung (per Drohne)


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Video zum abgetragenen historischen Ortskern von Rüdersdorf


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Artikel Berliner Zeitung aus dem Jahr 2000 über Rüdersdorf)

https://www.berliner-zeitung.de/bis-1990-rieselten-jaehrlich-50-000-tonnen-staub-auf-ruedersdorf-jetzt-ist-der-ort-wieder-gruen-die-waesche-kann-wieder-im-freien-trocknen-li.60465

Online-Artikel Lausitzer Rundschau

https://www.lr-online.de/nachrichten/unverwechselbare-filmkulisse-am-kalksee-33305824.html